Pferdeverhalten auf einen Blick

05.02.2020 13:00
Jeder Reiter wünscht sich das Pferd als Partner, als Freund. Das ist gar nicht so schwer, wie Sie vielleicht glauben. Pferde wollen Klarheit. Sie brauchen jemanden, der ihnen Sicherheit gibt und dem sie vertrauen können. Damit das Pferd diesen Menschen in Ihnen findet, müssen Sie zuerst verstehen, was Pferde für Lebewesen sind, welche Bedürfnisse sie haben, wie sie miteinander umgehen und kommunizieren. Dann können Sie durch Ihr Verhalten und das richtige Training zum Fels in der Brandung für Ihr Pferd werden.

Vertrauen
Pferde lassen sich nicht körperlich kontrollieren, dazu sind sie uns kräftemäßig zu überlegen. Ilja van de Kasteele setzt statt auf Kontrolle lieber auf Partnerschaft und macht einem Pferd Folgendes klar: ?Ich respektiere dich so wie du bist, als Spezies und Individuum. Aber du kennst dich in meiner, der Menschenwelt nicht aus ? im Gegensatz zu mir. Wenn du dich mir anvertraust, meine Führung akzeptierst, ist es die beste Option, die du kriegen kannst. Du muss nicht, du darfst dich mir aber anschließen.? Dabei ist Führung wie beim Tanzen: Die Partner begegnen sich auf Augenhöhe, aber einer muss führen, weil das Paar sonst irgendwo aneckt.
Loslassen
Hier sehen wir eine Situation, die jedes Pferd, das unvorbereitet ist, in Panik versetzen kann: Das Bein hat sich im Strick verfangen. Viele Reiter halten in dieser Situation den Strick fest, weil sie Angst haben, die Kontrolle zu verlieren - und glauben, das Pferd würde weglaufen, sobald sie loslassen. Das Gegenteil ist der Fall. Das Pferd geht gegen den Druck an, es zieht immer stärker, weil es freikommen möchte. Je schwieriger das ist, desto panischer wird es. Lassen Sie das Strickende besser sofort los, bleiben Sie ruhig und besonnen und nehmen Sie den Strick knapp unter dem Halfter wieder auf.
Distanz wahren
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen abends allein am Bahnsteig. Sie hören Schritte, jemand kommt die Treppe hinauf. Je nachdem, ob es eine Freundin, eine Bekannte oder ein Fremder ist, werden Sie entscheiden, wie weit die Person sich nähern darf, bevor Sie reagieren und aufstehen oder womöglich sogar den Bahnsteig verlassen.
Auf diesem Bild ist schön zu sehen, dass Anna in den persönlichen Raum von Roma eingedrungen ist, diese damit aber nicht einverstanden ist. Ihre ganze Haltung drückt aus, dass sie sich entfernen möchte. Hier sollte man unbedingt stoppen und nicht weitergehen, um dem Pferd Zeit zu geben, sich auf die Nähe des Menschen einzulassen.
Willkommen
Roma schaut offen und freundlich zu Anna und zeigt so ganz klar, dass für sie eine Annäherung völlig in Ordnung ist. Jetzt kann Anna weiterhin entspannt und fließend auf Roma zugehen und sanft den ersten körperlichen Kontakt herstellen.
Nehmen Sie sich Zeit bei der Annäherung und beobachten Sie die Reaktionen Ihres Pferdes genau. Erst wenn es sein Einverständnis signalisiert, gehen Sie weiter und sprechen es freundlich an. Berühren Sie es sanft an Schulter oder Widerrist, ehe Sie das Halfter anziehen.
Berühren
Streicheln Sie Ihr Pferd zur Begrüßung am Widerrist oder Kraulen Sie es am Halsansatz. Wie schon erwähnt, lässt sich kein Lebewesen gerne von einem Fremden im Gesicht berühren. Das kommt erst viel später. Dazu bedarf es Vertrauen und die Gewissheit, dass die Nähe nicht missbraucht wird.
Der erste Kontakt sollte nicht festhaltend sein. Wenn das Pferd gehen möchte, kann es jederzeit gehen. Schnelle Bewegungen führen genauso zu Unsicherheit wie stockende. Die Berührung sollte mit der größten Selbstverständlichkeit erfolgen. Schließlich ist sie, wenn beide wirklich einverstanden sind, das Normalste der Welt.

Kommunikation lernen


Aus Pferdesicht wirkt der Mensch eher grobmotorisch und "geschwätzig". Das liegt daran, dass für Pferde jedes Körpersignal eine Bedeutung hat. Der moderne Mensch verlässt sich aber auf die verbale Kommunikation und vernachlässigt die Körpersprache. Wir gestikulieren viel. Damit uns das Pferd als jemanden wahrnimmt, der wirklich etwas zu sagen hat, müssen wir unsere Körpersprache reduzieren und eindeutig machen.
Klarheit Oft ist unsere Körpersprache völlig unklar. Hier soll das Pferd zu einer Seite auf den Zirkel gehen, wird aber von der hocherhobenen Hand geblockt. Deshalb zögert es. Jetzt wird auf der anderen Seite mehr Druck gemacht. Viele Pferde gehen in dieser Situation rückwärts oder frieren ein und bewegen sich gar nicht mehr. Sie verstehen nicht, was der Mensch möchte, und sind verunsichert. Der Mensch wiederum erkennt allzu oft die Ursache hierfür nicht.
Konzentriert
Der Mensch ist abgelenkt und untermalt sein Gespräch mit einer Gestik, die dem Pferd fremd ist. Weil es die Signale nicht lesen und verstehen kann, schaltet es ab und lernt daraus, dass man die Körpersprache des Zweibeiners getrost ignorieren kann ? er hat ja sowieso nichts zu sagen. Wer dagegen seine Körpersprache auf das absolut Notwendige reduziert und eine Bewegung, die nicht dem Pferd gilt, mit der dem Pferd abgewandten Hand macht, erhält sich die Aufmerksamkeit seines Vierbeiners.
Reduziert Für das Pferd sind zwei Dinge wichtig, um einem Wunsch oder einer Aufforderung durch den Menschen nachzukommen: Es muss verstanden haben, was der Mensch möchte. Und es muss körperlich in der Lage dazu sein. Das heißt, der Mensch muss seine Aufforderung klar formulieren. Pferde erkennen winzigste Unterschiede in der Körperhaltung. Ein Blick auf die Stelle neben dem Hinterhuf reicht, um eine Reaktion, also in diesem Fall eine Vorhandwendung, zu bewirken. Erfolgt die nicht, erhöht man die Energie ein wenig: Man klopft zum Beispiel leicht mit der dem Pferd abgewandten Hand auf seinen Oberschenkel und verstärkt dies so lange, bis die Hinterhand weicht. Anna demonstriert, wie es nicht gemacht werden sollte: Ihre Haltung ist eher bedrohlich. Dieser Druck ist für die meisten Pferde zu hoch.

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