Mein Hund zeigt Aggressionen

04.09.2019 13:00
Aggression ist verpönt, negativ, unerwünscht, darf auf keinen Fall vorkommen, muss strikt unterbunden werden, ist gefährlich und schuld an vielem. So meint der Mensch ... Aber ist dem wirklich so? Ist Aggression tatsächlich immer und in jeder Situation eine bedenkliche Verhaltensstörung, die den Hund zum Psychopathen abstempelt? Und ist wirklich alles als Aggression anzusehen und zu definieren, was der Mensch so empfindet und bewertet? Ist Aggression angeboren und beruht auf einem »Aggressionsgen«, wie viele Politiker argumentieren und damit ihre Gesetz- und Verordnungen begründen, oder entwickelt sie sich im Laufe des Hundelebens?

Was ist Aggression?

Die freie Enzyklopädie Wikipedia definiert Aggression wie folgt: »Aggression (vom lateinischen aggressio/aggredi = heranschreiten, sich nähern, angreifen) ist ein Verhalten mit der Absicht, Anderen zu schaden.«
Diese Definition ist genau ein Ausdruck dessen, was in den Köpfen vieler Menschen herumspukt. Wie in diesem Buch gezeigt wird, ist nach verhaltensbiologischen und auch nach der Mehrheit der psychologischen Definitionen Aggression eben nicht darauf ausgerichtet, anderen zu schaden, sondern sich selbst zu nützen. Die Einhaltung von Individualdistanz, die Durchsetzung eigener Ansprüche auf Ressourcen, aber auch die Selbstentfaltung oder der Schutz eines hochwertigen Beziehungspartners sind es, die jemanden auch dann aggressiv reagieren lassen, wenn er entweder keinen anderen Ausweg sieht oder alle anderen Wege bereits erfolglos versucht hat. Schadet er dabei dem anderen, ist dies ein Kollateralschaden, der manchmal unumgänglich, manchmal aber auch vermeidbar ist. Aber es ist nicht die zentrale Absicht, dem anderen zu schaden, sondern seinen eigenen Gleichgewichtszustand mit sich und der Umwelt wiederherzustellen.
Damit wird der negative Beigeschmack des Begriffs Aggression leicht verständlich, denn wenn die Absicht nur in der Schädigung Anderer besteht, lässt sich schwerlich Positives oder gar normal Nützliches erahnen. Doch stellt auch Wikipedia fest, dass »die negative Bewertung von Aggression, die nur die destruktiven Seiten betont, nicht generell geteilt« wird und führt weiter aus, dass »innerhalb der Psychotherapie (...) Aggression zunächst einmal als notwendige Form der Erregung angesehen wird, die z. B. dazu dient, Hindernisse zu beseitigen oder Neues aus der Umwelt für den Organismus assimilierbar zu machen«.
Da sich diese Ausführung auf menschliches Aggressionsverhalten bezieht, erfolgt die Abgrenzung zum Tierreich wie folgt: »Im Tierreich ist aggressives Verhalten weit verbreitet. Es wird von Verhaltensbiologen meist dahin gehend interpretiert, dass es dem direkten Wettbewerb um Ressourcen, der Fortpflanzung oder dem Nahrungserwerb dient (Räuber-Beute-Beziehung). Aber auch hier irrt Wikipedia ? Beutefang wird schon lange nicht mehr zur Aggression gezählt. Es wird daher ? speziell seitens der Ethologie ? häufig auch als agonistisches Verhalten oder als Angriffs- und Drohverhalten bezeichnet und mit spezifischen Auslösern (Schlüsselreizen) in Verbindung gebracht.«
Egal ob Mensch oder anderes Tier, aggressives Verhalten setzt immer eine gehörige Portion Aktivität voraus. Im wahrsten Sinne des Wortes wird ein Problem, eine Konfliktsituation aktiv »in Angriff genommen«. Daran ist zuerst einmal nichts Negatives zu sehen, und auch nicht immer geht diese Aktivität zwangsläufig mit der in obiger Definition angesprochenen Schädigungsabsicht einher, weder Hand in Hand, noch Pfote in Pfote.

Aggression als Kommunikationsform

Aggression hat verschiedene Aufgaben im Leben eines Tieres zu erfüllen und ist für dieses überlebensnotwendig.
Aggressionen im Tierreich ? und somit auch bei unseren Hunden ? dienen in erster Linie der Regulierung des Organismus´ und stellen eine Reaktion auf störende bzw. individuell als störend empfundene Umwelteinflüsse dar. Der zu den Regulierungsvorgängen dazugehörige Fachbegriff lautet Homöostase, was bedeutet, dass ein Gleichgewicht zwischen der individuellen Erwartung und dem erlebten Status quo herzustellen versucht wird. Die Bewältigung von stressbehafteten Konfliktsituationen wird als Coping bezeichnet. Vereinfacht zusammengefasst könnte man sagen, dass hierbei der Organismus durch Bereitstellung der entsprechenden Hormone versucht, sich auf eine bestimmte Situation einzustellen und diese damit wieder unter eigene Kontrolle zu bringen.
Coping-Mechanismen spielen in jeglicher Form von Konfliktmanagement eine große Rolle und gehen meist mit Veränderungen im Botenstoffhaushalt des Lebewesens einher.
Homöostase (Regulierung) und Coping (Bewältigung) bilden also ein Team des Konfliktmanagements. Da sich die »wünschenswerten« Sollwerte in einem Regelkreis auch ändern können, spricht man heute aber meist nicht von Homöo-, sondern von Allostase. Zwei Beispiele: Wenn Sie abends in die Disco gehen wollen, haben Sie einen anderen inneren Sollwert für Individualdistanz, als wenn Sie auf einer Parkbank vor einer Prüfung sich nochmal sammeln und konzentrieren wollen. Und wenn Sie freiwillig in die Sauna gehen, haben Sie eine andere Vorstellung von wünschenswerter Außentemperatur, als wenn Sie zwei Festmeter Kaminholz hacken sollen. Zum Verständnis von aggressiven Verhaltensweisen ist wesentlich, dass das gezeigte Verhaltensrepertoire eines Hundes korrekt eingeordnet wird.
In diesem Zusammenhang soll deshalb an erster Stelle darauf hingewiesen werden, dass Verhaltensweisen rund um das Beutefangverhalten nichts (!) mit Aggression zu tun haben! Sie müssen nicht wütend auf Ihr Schnitzel sein, und der Löwe hat auch keine Wut auf die Antilope, die er fängt. Das sieht man übrigens sehr schön auf manchen Filmaufnahmen von Freilandwölfen: Beim Verfolgen selbst großer, wehrhafter Hirsche, sind sie sehr entspannt in Mimik und Fell. Bei Auseinandersetzungen mit Bären hingegen sieht man aggressive Mimik, Fellsträuben usw.
Dennoch ist es gerade das Beutefangverhalten, das vielen Hundehaltern das Leben mit ihrem vierbeinigen Sozialpartner »zur Hölle« macht. Jogger, Fahrradfahrer, Wild, Schmetterlinge auf der Wiese und vielleicht sogar die Lichtreflexe an der Wand ? alles wird verfolgt und »gejagt«. Dennoch haben wir es hier nicht mit einer »echten« Aggression zu tun. Somit ist der Terminus Beuteaggression völlig fehlgenutzt, fachlich als Begriff abzulehnen und bedeutet nicht, dass ein Tier in Bezug auf sein als Beute angesehenes Gegenüber aggressiv ist, sondern dass ein Tier im Sinne von Wettbewerbsaggression seine gemachte Beute als Ressource ansieht und verteidigt. Unangenehm bleibt es alle Male, und manch ein Hund mit übersteigertem Beutefangverhalten ist in der Öffentlichkeit wesentlich gefährlicher als ein aggressiver Hund. Weitere Interessante Aspekte rund um das Thema Aggression erhalten Sie in diesem aktuellen Buch der Autoren Petra Krivy & Udo Gansloßer.

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