Kommunikation verbindet - Das Geheimnis einer guten Beziehung

21.08.2019 13:00
Wenn Masih Samin Gassi geht, drehen sich die Leute oft zweimal nach ihm um. Schließlich führt er nicht nur einen Hund an der Leine, sondern gleich ein halbes Dutzend – oder mehr. Aber Leinen-Kuddelmuddel oder Hunde-Tohuwabohu? Fehlanzeige! Denn Masih Samin ist kein gewöhnlicher Dogwalker. Er ist ausgebildeter Hundeverhaltenstherapeut und weiß daher ganz genau, wie Hunde ticken und was sie fürs Ausgeglichensein brauchen. Selbst Hunde, die gemeinhin als schwierig gelten, sind in seiner Nähe ganz entspannt. Doch es ist kein »Trick«, der sie ruhiger oder aufmerksamer werden lässt. Der Kölner nähert sich den Vierbeinern einfach »nur« höflich, gibt ihnen ihren Raum und reagiert adäquat auf ihr Verhalten. »Ich achte auf die Bedürfnisse der Hunde und hole sie dort ab, wo sie stehen. Ich zeige Verständnis für ihr Verhalten, auch wenn es den Menschen falsch erscheint«, erklärt er.

Höflichkeit bringt uns ans Ziel

Wenn ein Hund einzieht, bedeutet das für Tier und Mensch eine große Umstellung und es gibt viele Fragen: Welche Rasse passt zum Lebensstil? Soll man einen Hund aus dem Tierheim adoptieren? Wie gestaltet man den Einzug ins neue Zuhause und welche Welpenschule ist die beste?
Zuhauf erlebt Masih Samin die Ratlosigkeit und Frustration der Hundehalter, wenn es trotz vieler Überlegungen nicht so läuft, wie man es sich wünscht. Was aber tun, wenn der eigene Hund ständig Streit mit Artgenossen anfängt? So an der Leine zieht, dass er sich dabei fast stranguliert? Sich immer wieder selbstständig macht und den Rückruf ignoriert? Oder wenn Besuch vor der Tür steht und der Hund ihn partout nicht reinlassen möchte?
»Die wenigsten Hunde reagieren sofort aggressiv, wenn ihnen etwas nicht passt«, weiß Masih. »Aber wenn sich viele kleine Missverständnisse aneinanderreihen und Bedürfnisse unbefriedigt bleiben, ist der Hund frustriert.« Dabei versucht er, lange bevor er sich in unseren Augen »schlecht benimmt«, die Situation zu entspannen. Jeder Hund verfügt dazu über ein Repertoire an angeborenen Verhaltensweisen, die alle dasselbe Ziel verfolgen: Konfliktsituationen zu lösen oder - noch besser - von vornherein zu vermeiden.

Die Fähigkeit der Konfliktvermeidung durch beschwichtigende Signale ist genetisch fixiert. Alle Hunde der Welt ? unabhängig von Rasse, Größe, Farbe oder Naturell ? können darüber miteinander kommunizieren, wenn sie sich begegnen. Im Freilauf zum Beispiel, wo er seine eigenen Laufwege bestimmen kann, würde sich ein Hund dem anderen in einem großen Bogen nähern, seinen Blick abwenden, den Kopf senken oder einen Tick langsamer werden. Damit gäbe er dem anderen zu verstehen, dass er nur mit den besten Absichten unterwegs ist. »So gesehen benehmen sich Hunde sehr höflich«, sagt Masih Samin. »Doch wenn Mensch und Hund gemeinsam spazieren gehen, ist oft jeder auf seiner eigenen Baustelle unterwegs.« Bekommt deswegen der Mensch am anderen Ende der Leine nicht mit, dass sein Hund »erstarrt«, wird er ihn weiterziehen. Eine sehr unhöfliche Art ? und eine sehr unschöne Erfahrung für den Vierbeiner.

Dass die Kommunikation zwischen Mensch und Hund besser funktioniert, ist das Ziel des Hundeverhaltenstherapeuten. Er betreut deutschlandweit Hundehalter und unterrichtet sie darin, das Verhalten ihrer Hunde zu verstehen und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Damit beide sich wohlfühlen. Hunde sind schließlich äußerst soziale Tiere und auch ihre Körpersprache ist weitaus detaillierter, als dass ein Schwanzwedeln gleichbedeutend wäre mit Freude. Man muss schon ganz genau hinschauen ? so wie Masih Samin, der in Afghanistan geboren wurde und erst in Pakistan, dann in Russland lebte, ehe seine Eltern nach Köln zogen. Weil ihm als Junge in jedem Land zunächst die Sprachkenntnisse fehlten, lernte er sein Umfeld genau zu beobachten und auf sein Gefühl zu hören: Wie verhalten sich die Menschen hier? Was verrät ihre Gestik? Was ihre Mimik? Und passt das zu dem, was ich dabei fühle? Auch wenn sich Masih Samin längst in Köln zu Hause fühlt, macht er es noch immer so: bei Hunden.

Veränderung beginnt ins uns


Das Wichtigste, was Masih Samins Kunden lernen sollen: Der Mensch beeinflusst maßgeblich das Verhalten des Hundes, indem er sich selbst entwickelt. Man kann nichts von seinem Hund verlangen, solange man es selbst nicht zu leisten vermag. Niemand kann von seinem Vierbeiner erwarten, dass er sich draußen entspannt verhält, solange er selbst angesichts eines anderen Hundes in Panik verfällt. Und wenn ein Hund an der Leine pöbelt, ist sein Zweibeiner sicher kein Vorbild als Krisenmanager, wenn er aggressiv an der Leine reißt oder sich mit anderen Hundebesitzern anlegt.

Unsere Vierbeiner machen so einiges mit uns durch. Vieles wäre leichter, wenn wir zunächst unser Verhalten reflektieren würden. Der beste Freund des Menschen braucht ebenfalls einen besten Freund und wie jede Beziehung muss auch die zu unseren Hunden gepflegt werden. Die Kommunikation und die Wahrnehmung des eigenen Verhaltens sind dabei Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen Mensch-Hund-Beziehung. »Wir müssen endlich anfangen, die Sprache unserer Hunde zu verstehen und ihnen unsere Welt und unsere Kultur zu übersetzen«, findet der Hundeverhaltenstherapeut.
Wie gut das klappen kann, sieht man an seiner Kangalhündin Mädchen. Als sie vor einigen Jahren zu ihm kam, erwies sie sich zunächst als äußerst widerspenstig. Mädchen war sehr aggressiv und konnte ihre Emotionen gegenüber Artgenossen überhaupt nicht kontrollieren. Masih verzweifelte ein ums andere Mal an ihrem unbändigen Verhalten. Doch die Arbeit mit ihr und der Prozess ihrer Resozialisierung formte maßgeblich seine Philosophie im Umgang und bei der Arbeit mit verhaltensauffälligen Hunden. Heute ist Mädchen seine treue Gefährtin und hilft ihm, anderen Hunden zu helfen. Die Erkenntnisse aus der Arbeit mir ihr ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit mit allen Hunden und helfen ihm immer wieder, wenn einer seiner vierbeinigen »Patienten« mal besonders große Probleme hat. Zum Beispiel damit, höflich an der Leine zu gehen.

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