Ich und Du, Du und ich: Die Beziehungskiste Mensch-Hund

30.10.2019 13:00
Von Bo Söderström (Auszug aus dem Buch „Hunde erforscht“, s.u.)

Endlich zieht ein Hund ein! Ihr Welpe stammt von einem seriösen Züchter, Sie haben mehrere Bücher über Hundeerziehung gelesen und sich für einen Welpenkurs angemeldet. Soweit haben Sie alles richtig gemacht. Und doch nagt möglicherweise nach einiger Zeit mit dem neuen Welpen eine gewisse Unruhe an Ihnen: „Ist die Bindung meines neuen Gefährten an mich, wie sie sein sollte? Was könnte ich für ein noch besseres Zusammenspiel tun?“ Die Wissenschaft nennt die Interaktion zwischen Ihnen und Ihrem Hund Dyade bzw. Zweierbeziehung: Es liegt wesentlich an Ihnen, dass Sie und Ihr Hund diese erstrebenswerte, enge Bindung bekommen und Ihr Welpe sich zu einem sicheren Individuum entwickeln kann.

Eine vertrauensvolle Bindung ist eine Grundvoraussetzung für einen fröhlichen und ausgeglichenen Hund, der voller Energie seine Umwelt entdeckt und erforscht. Im Prinzip ist das Streben des Hundes, Bindung zum Halter aufzubauen, seine Überlebensstrategie. Der Familienhund braucht den Menschen, damit seine Grundbedürfnisse gedeckt werden ? Nahrung und ein Dach über dem Kopf beispielsweise ? aber der Hund braucht auch die Beziehung zum Menschen, um vor realen und imaginären Gefahren geschützt zu werden. Bindung bedeutet, dass Ihr Hund sich sicher fühlt, weil es Sie gibt und Sie für ihn da sind, und dass Sie für Schutz und Nahrung sorgen (und damit mehr als nur ein lustiger Spielkamerad sind). Aber wie kann man wissen, ob wirklich eine enge Bindung vorliegt? Um das herauszufinden, legen Ethologen (Verhaltensbiologen) die gleichen vier Theorien zugrunde wie Psychologen bei der Kind-Eltern-Bindung: "eine sichere Basis", "ein sicherer Hafen", "Trennungsangst" und "Nähesuchen". Die australischen Wissenschaftler Elyssa Payne et al. haben einen Übersichtsartikel in Behavioural Processes veröffentlich, für den sie alle früheren Artikel durchgingen, um zu erfassen, wie diese vier Theorien in der Forschung unterstützt werden. Heraus kam, dass das allerbeste Zeichen guter Bindung zwischen Ihrem Hund und Ihnen ist, wenn er in Ihrer Anwesenheit mehr spielt und erkundet, als wenn er alleine oder mit Fremden zusammen ist. Dann sind Sie nämlich die ?sichere Basis? für Ihren Hund: Er fühlt sich sicher genug, seine Umgebung zu erkunden und fremde Objekte zu erforschen. Ein ähnlich sicheres Zeichen guter Bindung ist, wenn Ihr Hund in für ihn unsicheren Situationen Ihre Nähe sucht, wenn zum Beispiel ein furchteinflößender Fremder auf ihn zukommt.
In diesem Fall sind Sie der "sichere Hafen" in stressenden Situationen. Elyssa Payne et al. konnten unter anderem nachweisen, dass bei Näherkommen eines Fremden der Puls des Hundes ruhiger blieb, wenn der Halter dabei war. Wenn der Hund hingegen alleine war, raste sein Herz geradezu. Dass Hunde bei Weggehen des Halters Trennungsangst bekommen können, ist in etlichen Studien gut belegt. Wie sich ein Hund verhält, nachdem er in einer für ihn fremden Umgebung alleine gelassen wurde und wieder mit seinem Halter zusammenkommt, ist auch ein guter Indikator für die Bindung. Aber was bedeutet es, wenn mein Hund extrem Nähe zu mir sucht und wie ein Pflaster an mir klebt? Ist das auch noch ein Zeichen für eine sichere Bindung? Ganz so einfach ist es nicht. Elyssa Payne et al. konnten feststellen, dass, wenn Halter eine enge Bindung von sich zu ihrem Hund schilderten, der Hund im Gegenzug ein größeres Bedürfnis nach Nähe zum ihm an den Tag legte. Die Wissenschaftler vermuten, dass Hunde Persönlichkeit und Verhalten des Halters spiegeln und in so einer Konstellation daher ängstlicher und unselbstständiger werden. Aber noch hat keine Studie sicher belegt, dass "Nähesuchen" in ängstlichem Verhalten begründet liegt. Auch Hunde aus der Tiervermittlung suchen schon nach kurzer Eingewöhnung die Nähe zu völlig Fremden. Daher muss das Bedürfnis eines Hundes nach Nähe des Halters nicht zwingend eine enge Bindung bedeuten.
Anders ausgedrückt sind die sichersten Zeichen einer engen Bindung zwischen Hund und Halter das, was die Wissenschaft "sichere Basis" und "sicherer Hafen" nennt. Als Hundehalter ist Feingefühl wichtig: Zeigen Sie Ihrem Hund, dass Dinge nicht gefährlich sind. Beim Aufbau einer sicheren Bindung ist es wichtig, sich als Halter in seinen Hund einzufühlen und ihn zu lesen, um seinen Bedürfnissen gerecht zu werden.
Eine positive Rückkopplung an den Hund erleichtert den Aufbau einer guten Bindung und festigt eine bereits gute Beziehung. Sie kennen sicherlich schon die Zauberwörter: Futter, Körperkontakt und Spiel. Hunde scheinen eindeutig Bestärkungen in Form von Futter und Leckerchen einem Streicheln oder Bürsten vorzuziehen. Für die Forscher ist unbestritten, dass Futter für die gute Bindung zwischen Hund und Mensch eine große Rolle spielt. Hunde, die nicht viel Körperkontakt gewohnt sind, wie es bei Tierschutzhunden sein kann, lieben es jedoch mehr, gestreichelt oder gekämmt zu werden als Familienhunde. Mit seinem Hund zu spielen, ist eine andere Art, die Bindung zum Hund zu stärken, und auch ein guter Weg, Stress beim Hund zu verringern. Auch wenn der Hund mit anderen Hunden spielen kann, liebt er es, mit seinem Halter zu spielen. Das Spiel mit Menschen scheint andere Bedürfnisse abzudecken als das Spiel mit anderen Hunden (siehe Kapitel "Hundespiel").
Außerdem festigt es die Beziehung zum Hund, wenn gutes Verhalten gelobt wird. Die amerikanischen Wissenschaftler Erica Feuerbacher und Clive Wynne wollten herausfinden, ob Hunde ein aufmunterndes Tätscheln oder mündliches Lob lieber haben. Der unmissverständliche Titel ihres Artikels lautet: "Shut up and pet me!" bzw. "Halt die Klappe und kraul mich!". In der Studie beobachteten die Wissenschaftler 42 Hunde: 14 Tierschutzhunde mit fremden Menschen, 14 Familienhunde mit ihren Haltern und 14 Familienhunden mit Fremden. Alle Hunde wollten lieber an dem Körperteil, der dem Menschen am nächsten war, gestreichelt werden als mit freudiger Stimme gelobt zu werden: "Du bist ein guter Hund. Du bist ein ganz Süßer!?. Das mündliche Lob schien an den Hunden vorbei zu gehen - sie blieben nicht länger bei den Menschen, als wenn die Personen ganz ruhig und passiv da saßen. Auffallend war jedoch der Unterschied, als die Hunde gestreichelt wurden. Keiner der Hunde schien während der drei Minuten Streicheleinheiten davon genug zu bekommen. Körperkontakt scheint also mündlichem Lob also absolut überlegen zu sein, um Bindung aufzubauen.
Hunde haben eine einzigartig enge Beziehung zu Menschen und werden oft als Familienmitglieder angesehen. In einer größeren amerikanischen Untersuchung im Jahre 1999 gaben 84 Prozent der Befragten an, dass sie sich selbst eher als "Eltern" anstatt als Halter betrachteten. Da liegt der Schritt zur Vermenschlichung des Hundes, dass sein Verhalten von gleichen Motiven wie die des Menschen gesteuert wird, nahe. Die moderne Verhaltensforschung verhält sich jedoch kritisch dazu, menschliche Gefühle wie Glück, Trauer, Eifersucht und Scham im Verhalten von Tieren zu sehen. Es ist kein Zeichen von Schuld oder Reue, wenn ein Hund Augenkontakt vermeidet, nachdem er das gute Porzellan zerdeppert hat. Vielmehr ist es ein gelerntes Verhalten als Reaktion auf das Gebaren des Halters. Wir senden bewusste und unbewusste Signale und die Hunde antworten mit unterwürfigem Verhalten. Diese Form der sogenannten Konditionierung heißt nicht, dass Hunde ihren Fehler einsehen. Aber man tappt dennoch allzu leicht in die Falle und projiziert die eigenen Gefühle auf den Hund. Die amerikanischen Psychologen Christina Brown und Julia McLean konnten zeigen, dass Menschen, die mit Schuldgefühlen durchs Leben gehen, häufig denken, ihre Hunde schämten sich, nachdem sie Unsinn angestellt haben. Ebenso interpretierten diese Menschen aktive Hunde öfter als ängstlich und nervös, ohne dass Gefahr für sie erkennbar war, wenn sie zum Beispiel vor der Haustür hin und her gingen.

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